Dr. Kristina Schröder

Für Wiesbaden in Berlin

Standpunkte
Gerede von frühkindlicher Bildung und Förderung ist anmaßend

In Deutschland tobt immer noch ein Kulturkampf um das "richtige" Familienleben. Kristallisationspunkt dieser Debatte ist die Form der Kinderbetreuung. Dabei geht es eigentlich nur um zwei Jahre. Denn in Deutschland haben fast alle Eltern den Wunsch, dass im ersten Lebensjahr des Kindes Vater oder Mutter ganz für das Kind da sein können.

Wir haben ebenfalls den Konsens, dass praktisch alle Kinder vom Kindergartenbesuch ab dem 3. Geburtstag profitieren. Um die zwei Lebensjahre dazwischen wird allerdings eine gesellschaftspolitische Debatte geführt, die nicht nur anmaßend ist, sondern auch die Individualität von Familien komplett ignoriert.

Denn im medialen und politischen Diskurs wird so getan, als ob eine Betreuung der Ein- und Zweijährigen in der Kita generell besser sei als die Betreuung zu Hause. „Kinder in der Kita: Je früher, desto schlauer“ weiß das Hamburger Abendblatt, „Warum ihr eure Kinder in die Kita schicken solltet, statt sie zuhause zu betreuen“, so die Huffington Post, „Kinderkrippen machen schlau und reich“, freut sich das Handelsblatt.

Entsprechend sprach und spricht auch mein ehemaliges Ministerium vor und nach meiner Amtszeit nur von „frühkindlicher Bildung“, statt schlicht von „Betreuung“. Ich selbst habe als Ministerin diesen Begriff aus möglichst allen Vorlagen wieder rausgestrichen. Und mich hat geärgert, als ich privat für meine Töchter den obligatorischen Antrag auf einen Kita-Gutschein stellte, dem die Stadt Berlin den Titel „Anmeldung zur Förderung von Kindern" gegeben hat und nicht etwa schlicht „Anmeldung zum Besuch einer Kita“ oder ähnliches.

Der Begriff Herdprämie zeugt von „Bodenloser Arroganz“

Ich finde dieses ganze Gerede von frühkindlicher Bildung und Förderung unglaublich anmaßend. Denn es unterstellt, dass Eltern nicht in der Lage sind, ihre Ein- und Zweijährigen (!) adäquat zu fördern und zu bilden. Natürlich weiß ich, dass dies in rund zehn Prozent der Familien wirklich nicht der Fall ist. Aber in den restlichen 90 Prozent eben doch. Dort wird sich unglaublich liebevoll um die Kinder gekümmert. Egal, ob sie eine Krippe besuchen oder nicht. Und daher war es auch so eine bodenlose Arroganz, als in der Debatte ums Betreuungsgeld von „Herdprämie“ und „Verdummungsprämie“ die Rede war.

Als ob in Familien, die sich in den ersten drei Jahren für eine Betreuung zu Hause entscheiden, Mutti nur frustriert am Herd steht und ihr Kind dabei vor dem Fernseher verblödet (wenn Vati das macht, überschlagen sich übrigens alle in Bewunderung für den „modernen Mann“). Und auch der übliche Sound in der Familienpolitik, der von „überholten Rollenmodellen“ und „Müttern, die in der Teilzeitfalle verharren, weil sie traditionelle Rollenklischees nicht aufbrechen können“ spricht, ist vom gleichen überheblichen Geist gegenüber den freien Entscheidungen von Familien geprägt.

Alle diese Versuche, Familien ein alle selig machendes Leitbild einer „modernen“, „partnerschaftlichen“ Familie aufzudrücken, ignoriert komplett die Individualität von Familien. Denn erstens sind Familienkonstellationen unterschiedlich, zweitens sind die Wertvorstellungen von Familien unterschiedlich und drittens, am allerwichtigsten, sind auch die Kinder unterschiedlich! Mancher Eineinhalbjährige fühlt sich in der Kita sehr wohl, manche Zweijährige ist noch überfordert.

Wirklich moderne Familienpolitik lässt Eltern die Wahl

Auch die amerikanische NICHD-Studie (die umfassendste Studie zu den Auswirkungen einer frühen Tagesbetreuung) weist darauf hin, dass ein sehr früher, zeitlich sehr umfassender Besuch der Kita negative Folgen haben kann. Kitas sind bei Kleinkindern, die nicht aus Problemfamilien stammen, nicht besser als eine Betreuung zu Hause. Wir können froh und dankbar sein, wenn die Kita-Betreuung an die Betreuung in den Familien heranreicht.

Deshalb ist die einzig wirklich moderne Familienpolitik eine, die den Eltern die Wahl lässt. Und zwar nicht nur als Lippenbekenntnis - das hört man aus fast allen politischen Richtungen -, sondern als echte Unterstützung von Familien, unabhängig davon, wie sie sich in den ersten Lebensjahren ihres Kindes entscheiden. Also Ausbau von qualitativ hochwertigen Kitaplätzen UND Unterstützung der Betreuung zu Hause in den ersten drei Lebensjahren. Weil Eltern nur dann frei entscheiden können, welches Modell für sie das richtige ist.

Ob es eine Partei damit ernst meint, lässt sich ziemlich leicht an der Programmatik zum Ehegattensplitting ablesen. SPD, GRÜNE und LINKE wollen es abschaffen, CDU/CSU und FDP wollen es erhalten. Denn das Ehegattensplitting sorgt schlicht dafür, dass ein Ehepaar, bei dem beide je 2000 Euro verdienen, genau so viel Steuern zahlt wie ein Ehepaar, bei dem einer 3000 und einer 1000 Euro bekommt. Es behandelt also alle Rollenmodelle gleich. Genau deshalb ist es für Rot-Rot-Grün die Quelle allen Übels, denn es behandelt eben alle Rollenmodelle gleich. Das möchte man in der politischen Linken aber nicht, sondern man möchte Menschen dazu erziehen, eine "moderne“ Rollenverteilung zu leben.

"Wir nehmen Alleinverdienerehen Geld weg"

In rot-rot-grüner Sprache heißt das dann: „Das Ehegattensplitting hält Frauen davon ab, berufstätig zu sein und verhindert damit eine partnerschaftliche Rollenverteilung in den Familien.“ Gemeint ist in Wahrheit: „Wir nehmen Alleinverdienerehen Geld weg, dann sind beide gezwungen, Vollzeit arbeiten zu gehen.“

Das ist genau das, was eine modere Familienpolitik nicht möchte. Menschen zwingen. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, Familien zu sagen, wie sie leben sollen. Sondern es ist die Aufgabe des Staates, Familien zu ermöglichen, dass sie so leben können, wie sie leben wollen.


Der Debattenbeitrag erschien erstmals im Focus am 14. September 2017